DEUTSCH ALS HEILIGE SPRACHE

von Alt­va­ter Jo­han­nes, Abt von Buchhagen

In der or­tho­do­xen Kir­che wird der Got­tes­dienst seit je­her in der Volks­spra­che ge­fei­ert. Bei der Her­ab­kunft des Hei­li­gen Geis­tes, 50 Tage nach der Auf­er­ste­hung, hör­te und ver­stand je­der die Pre­digt der Apos­tel in sei­ner ei­ge­nen Spra­che. Da­her sind »die Völ­ker« (τὰ ἔθνοι) nicht län­ger, wie im Al­ten Bun­de, ein­fach »die Hei­den«, die dem aus­er­wähl­ten »Vol­ke Got­tes« (ὄ λαὸς τοῦ θεοῦ) fremd und ge­sichts­los ge­gen­über stün­den. Viel­mehr ist je­des Volk eine von Gott ge­ge­be­ne glei­cher­ma­ßen ir­di­sche wie geis­ti­ge Wirk­lich­keit und wird als sol­ches an­ge­spro­chen. Da­her lau­tet der bi­bli­sche Auf­trag des Hei­lan­des: „ …ma­chet zu Jün­gern alle Völ­ker“ ! Jede Spra­che, in der Gott »in Geist und in Wahr­heit« an­ge­be­tet und ver­herr­licht wird, ist »Hei­li­ge Spra­che«. Die or­tho­do­xe Lit­ur­gie ist »öf­fent­li­cher hei­li­ger Dienst« und zu­gleich, wie die Vä­ter er­läu­tern, geis­ti­ge »Volks­schöp­fung«. Denn in ihr er­rich­tet sich das »Volk Got­tes« als geis­ti­ger Kern des je­wei­li­gen Vol­kes.

Or­tho­do­xe Lit­ur­gie ist das Kult­mys­te­ri­um par ex­cel­lence, Kris­tal­li­sa­ti­ons­raum gott­mensch­li­chen Le­bens. Sie ist Myst­ago­gie, Hin­füh­rung zum ewi­gen Mys­te­ri­um, Teil­ha­be am ewi­gen Ge­sang der En­gel und sa­kra­men­ta­le Eins­wer­dung im le­ben­di­gen Gott. Die Got­tes- und Seins­er­fah­rung von Jahr­tau­sen­den, Theo­lo­gie, An­thro­po­lo­gie, Ethos und Mys­tik, ha­ben sich hier zu hei­li­gem Voll­zug verdichtet. 

Die or­tho­do­xe Lit­ur­gie in deut­scher Spra­che fei­ern be­deu­tet da­her zu­gleich: Hei­li­gung des Deut­schen, Er­he­bung un­se­rer Spra­che zur sa­kra­len Wür­de. Das setzt frei­lich vor­aus, daß der Kult nicht von Men­schen für Men­schen ge­macht, son­dern daß er tat­säch­lich in der Ewig­keit ver­an­kert, also wahr im Voll­sin­ne des Be­grif­fes, wirk­mäch­ti­ger »Wi­der­hall des ewi­gen Ge­sangs der En­gel« ist. Dar­um muß die im Kult er­klin­gen­de Spra­che dem Hei­li­gen an­ge­mes­sen sein, muß aus der Ewig­keit in die Zeit her­über­klin­gen. Als Über­set­zer hei­li­ger Tex­te müs­sen wir vor­ab un­se­re deut­sche Spra­che von ih­rem in­ners­ten geis­ti­gen Grun­de her er­ken­nen und zum Klin­gen brin­gen, von dort her, wo sie sel­ber dem Ewi­gen Wor­te Got­tes ent­quillt und auch on­tisch schon Ur­wort, Hei­li­ge Spra­che ist.

Das Mys­te­ri­um gott­mensch­li­chen Le­bens über­schrei­tet alle mensch­li­che Be­griff­lich­keit und Vor­stel­lung und ent­zieht sich je­dem abs­tra­hie­ren­den Zu­griff. Es will ge­lebt und ge­fei­ert wer­den. Die alt­kirch­li­che Lit­ur­gie spricht nicht al­lein Ver­stand und Ge­müt, son­dern alle mensch­li­chen Kräf­te und Fä­hig­kei­ten an, zu­vör­derst die geis­ti­gen. Sie er­hebt den gan­zen Mensch mit Geist, See­le und Leib, rich­tet ihn aus und führt ihn zur Ein­heit in Gott. Da­bei ist sie an­ge­wie­sen auf das har­mo­ni­sche Zu­sam­men­spiel von Ar­chi­tek­tur, Iko­no­gra­phie, Cho­reo­gra­phie, Ethos, Ge­sang und Ge­bet. Je­der Wi­der­streit, jede Sche­re zwi­schen Form und In­halt wirkt stö­rend, mit­un­ter zer­stö­rend. Wenn die Vor­aus­set­zung wirk­mäch­ti­gen lit­ur­gi­schen Voll­zu­ges »Wahr­heit« ist (Ver­an­ke­rung in der Ewig­keit, Über­ein­stim­mung mit den gött­li­chen Ur­bil­dern), so sind Schön­heit und Er­ha­ben­heit Kenn­zei­chen sei­ner ech­ten »Ge­stalt«.

So sehr also Lit­ur­gie aus Grün­den quillt, die jen­seits des ra­tio­na­li­ter Faß­ba­ren lie­gen, so sehr ist sie doch auf Ver­ste­hen an­ge­wie­sen; frei­lich ei­nes, wel­ches tie­fer grün­det als abs­trak­ter Hirn­ver­stand. Lit­ur­gie er­schließt sich im lau­schen­den und schau­en­den Mit­voll­zug. Das in Ge­bet und ver­in­ner­li­chen­der Stil­le ge­öff­ne­te Herz ver­nimmt in­wen­dig die er­lö­sen­de Wei­sung und wird be­lebt und er­ho­ben durch den Einstrom der gött­li­chen Gna­de und Kraft. Die geis­ti­ge Ver­nunft – d. i. die Wahr­neh­mungs- und Er­kennt­nis­kraft des Her­zens – greift nicht kür­zer, son­dern un­end­lich wei­ter als die ra­tio­na­le, fleisch­li­che Ver­nunft. Da­bei ste­hen die­se bei­den kei­nes­wegs im Wi­der­streit, son­dern sind viel­mehr un­ter­schied­li­che und ein­an­der not­wen­dig er­gän­zen­de Wei­sen des Ver­neh­mens und Erkennens … 

Das gilt ent­spre­chend für die lit­ur­gi­sche Spra­che. Wer da be­haup­tet, das Ver­ste­hen sei dem Mys­te­ri­um ab­träg­lich, und eine Fremd­spra­che tau­ge des­halb bes­ser zur Lit­ur­gie als die ei­ge­ne, sitzt ei­nem fa­ta­len Fehl­ur­teil über das We­sen des Mys­te­ri­ums und des Chris­ten­tums auf, ähn­lich je­nem, der wähnt, es mit bloß ir­di­schem Ver­stan­de be­herr­schen, Ge­bet und Kult durch »Den­ken« und »Mo­ral« er­set­zen zu kön­nen. Lit­ur­gi­sche Spra­che muß die ver­schie­de­nen Ebe­nen und Tie­fen­schich­tun­gen des Mys­te­ri­ums klin­gen las­sen und im Men­schen initiieren. 

In Wer­bung und Po­li­tik wird Spra­che seit je­her be­wußt ein­ge­setzt, um die je­weils er­wünsch­ten Wir­kun­gen zu er­zie­len, be­kannt­lich kei­nes­wegs im­mer zum Woh­le des Men­schen … Die Ab­sen­kung des Sprach­ni­veaus, bis hin zur Zer­stö­rung und Ver­än­de­rung der Spra­che selbst, ist Kenn­zei­chen ei­nes men­schen­ver­ach­ten­den To­ta­li­ta­ris­mus, der da­mit die Ent­geis­ti­gung und Ent­mün­di­gung der Men­schen mit dem Ziel ih­rer leich­te­ren Ent­mün­di­gung und Ver­skla­vung be­zweckt. Jede ech­te Kul­tur hin­ge­gen wird um He­bung der Spra­che und der Sprach­fä­hig­keit be­müht sein, mit dem Ziel der geis­ti­gen Frei­heit und Selb­stän­dig­keit des Men­schen. Wie­viel not­wen­di­ger ist es da erst recht im Be­reich des Hei­li­gen, wo es um die Wahr­heit und Fül­le des Seins schlecht­hin, um die ewi­gen Din­ge und das Mys­te­ri­um gott­mensch­li­chen Le­bens geht, un­se­re wun­der­vol­le, alt­ehr­wür­di­ge und über­rei­che deut­sche Spra­che in ih­rer gan­zen Schön­heit, Kraft und Tie­fe und Er­ha­ben­heit zu verwenden!

Die Art und Wei­se, wie wir Lit­ur­gie er­le­ben, streng ge­nom­men so­gar ihre Wirk­mäch­tig­keit, wird we­sent­lich durch die Spra­che, ge­nau­er­hin ihre Kul­tur oder Un­kul­tur, be­ein­flußt. Ihre se­man­ti­sche Sei­te – Wort­wahl, Klar­heit, Stim­mig­keit des Aus­drucks, in­halt­li­che An­klän­ge, mit­schwin­gen­de Er­in­ne­run­gen etc. – ist ver­ant­wort­lich für die in­halt­li­che Tie­fe (oder Un­tie­fe) des Ge­sche­hens. Ihre poe­tisch-mu­si­ka­li­sche Sei­te – Wir­kun­gen und Zu­sam­men­spiel der Klän­ge und Rhyth­men – prägt die Stim­mung, giebt dem Gan­zen Far­be, An­mu­tung und Ge­stalt. Mit­hil­fe sprach­li­cher Fein­hei­ten und Fär­bun­gen kön­nen Sinn­zu­sam­men­hän­ge je nach­dem nur zart an­ge­deu­tet oder schär­fer um­ris­sen, im Hin­ter­grund ver­an­kert oder her­vor­ge­ho­ben und ins Licht ge­stellt wer­den. Um­ge­kehrt kann mit glei­chen Mit­teln Wirk­lich­keit oder Sinn ver­ne­belt, ver­fälscht, kann schlimms­ten­falls ge­lo­gen und ma­ni­pu­liert wer­den. Und nicht zu­letzt kann trotz bes­ten Wil­lens und ohne böse Ab­sicht Sinn ver­frem­det und schlimms­ten­falls ver­fehlt wer­den, wo­fern man sich über die­se Din­ge nicht im Kla­ren und fahr­läs­sig im Um­gang mit Spra­che ist. Die mo­der­ne For­de­rung, lit­ur­gi­sche Spra­che müs­se „ein­fach und all­ge­mein­ver­ständ­lich“ sein, hat zwar ei­nen rich­ti­gen Kern, führt aber oft dazu, daß das Hei­li­ge her­ab­ge­zo­gen und pro­fa­niert – also sei­nes geis­ti­gen We­sens­ker­nes be­raubt wird. Man täu­sche sich nicht dar­über hin­weg, daß die Ab­sen­kung des Sprach­ni­veaus im­mer den Zu­gang zum Kult­mys­te­ri­um be­hin­dert und ver­sperrt, auch wenn es nicht bis zur Schmerz­gren­ze ge­trie­ben wird. 

Als be­son­ders pro­ble­ma­tisch er­wei­sen sich solch abs­trak­te For­de­run­gen wie jene, je­weils ein grie­chi­sches Wort mit im­mer dem­sel­ben deut­schen Wort zu über­tra­gen, was an­geb­lich größt­mög­li­che „Nähe zum Ur­text“ ge­währ­leis­ten soll. Tat­säch­lich wird da­durch der Ur­text kas­triert, und die Tat­sa­che aus­ge­blen­det, daß im Deut­schen eben­so wie im klas­si­schen und früh­mit­tel­al­ter­li­chen Grie­chi­schen Wör­ter sich se­man­tisch über­schnei­den, daß zu­mal in lit­ur­gi­schen, phi­lo­so­phi­schen und poe­ti­schen Tex­ten be­stimm­te Kern­be­grif­fe in ver­schie­de­nen und teils be­son­de­ren, nur in be­stimm­ten Zu­sam­men­hän­gen in Fra­ge kom­men­den Be­deu­tun­gen ein­ge­setzt wer­den, und schon von da­her eine sehr viel dif­fe­ren­zier­te­re Her­an­ge­hens­wei­se bei der Über­tra­gung er­hei­schen. Wör­ter ge­win­nen oft erst durch ih­ren Ort und Zu­sam­men­hang ih­ren se­man­ti­schen Hof. Nicht zu­letzt soll­te man – bei al­ler poe­ti­scher Frei­heit – Gram­ma­tik, Syn­tax und lin­gu­is­ti­schen Code des Deut­schen ach­ten und wah­ren. Sa­kra­le Spra­che darf we­der un­ver­ständ­lich sein (das wäre bil­li­ger Mys­ti­zis­mus), noch darf sie sich dem all­täg­li­chen Sprach­ge­brau­che an­bie­dern und dem Nie­de­ren oder auch nur dem Ge­mei­nen und All­täg­li­chen Vor­schub leis­ten. Sie soll ein­präg­sam und klar, aber nicht wohl­feil, viel­mehr dem hei­li­gen Ge­sche­hen an­ge­mes­sen sein. Sie soll an­spre­chen, sam­meln, er­we­cken und er­he­ben; sie muß durch­drin­gen ohne auf­dring­lich zu wir­ken, Herz und Sinn zum Geist hin aus­rich­ten. Als ge­lun­gen darf man sie be­zeich­nen, wenn sie – bei größ­ter Treue zum Ge­ge­be­nen – gut über die Lip­pen und zu Her­zen geht, und da­bei im Sin­ne des theour­gi­schen und myst­ago­gi­schen Ge­sche­hens wirk­mäch­tig ist. 

Zur Über­set­zung hei­li­ger Tex­te im Geis­te der Hei­li­gen Über­lie­fe­rung be­darf es, ne­ben den selbst­ver­ständ­li­chen phi­lo­lo­gi­schen und theo­lo­gi­schen Vor­aus­set­zun­gen, ei­nes tie­fen per­sön­li­chen Glau­bens­le­bens, ei­ner Grund­hal­tung der De­mut, der Klar­heit und der geis­ti­gen Un­ter­schei­dung, so­dann aber auch ei­nes aus­ge­präg­ten Sprach­emp­fin­dens und … letzt­lich – tie­fer Lie­be zum Deutschen.

Die recht­eh­ren­de (or­tho­do­xe) Kir­che hat im Be­reich des Kul­tus, der Geis­tig­keit, des Got­tes- und Men­schen­bil­des (Theo­lo­gie und An­thro­po­lo­gie) vie­les be­wahrt, was an­ders­wo im Lau­fe der Ge­schich­te ver­lo­ren, mit­un­ter ent­wer­tet oder ver­fälscht er­scheint. Weit ent­fernt da­von, sich in „ori­en­ta­lisch blu­mi­ger Aus­drucks­wei­se“ zu ver­lie­ren – wel­che oft ge­hör­te Be­haup­tung nur ein zweck­dien­li­ches Vor­ur­teil ist – bil­det die or­tho­do­xe lit­ur­gi­sche Poe­sie mit der Spra­che der Theo­lo­gie, Phi­lo­so­phie, An­thro­po­lo­gie und Spi­ri­tua­li­tät eine un­trenn­ba­re Ein­heit. Da­bei ist sie in den ent­schei­den­den Din­gen von be­wun­derns­wer­ter be­griff­li­cher Klar­heit, ohne in­des der Ver­su­chung der Abs­trak­ti­on zu er­lie­gen oder ihr auch nur nach­zu­ge­ben. Daß sie nicht trotz­dem, son­dern ge­ra­de des­we­gen Poe­sie ist, wird je­dem, der ein tie­fe­res Sprach­emp­fin­den und ge­nü­gend Er­fah­rung or­tho­do­xer christ­li­cher Geis­tig­keit be­sitzt, un­mit­tel­bar ein­leuch­ten. Denn ihre Ei­gen­tüm­lich­keit be­steht dar­in, daß sie in Wor­te faßt, was we­sent­lich jen­seits abs­trak­ter Be­griff­lich­keit liegt, was aber gleich­wohl – weil aus dem Ewi­gen Wor­te (Joh. I) ge­bo­ren – Wor­te der Wahr­heit und des ewi­gen Le­bens (Joh. VI, 68) zu reins­ter Ge­stalt ver­dich­tet. Sie tran­szen­diert die as­ke­tisch ge­läu­ter­ten und kris­tal­li­nen Be­grif­fe der Hei­li­gen Über­lie­fe­rung zu lob­prei­sen­dem geist­durch­wo­be­nem Gesang. 

Hier­in nun be­steht eine ih­rer Schwie­rig­kei­ten bei der Über­tra­gung. Denn gute deut­sche Poe­sie zieht es vor, in we­ni­gen wohl­ge­füg­ten Wor­ten viel zu sa­gen und noch mehr zu be­deu­ten, in­dem sie auf vor­ge­wuß­te Be­zie­hun­gen re­kur­riert. Die grie­chi­sche lit­ur­gi­sche Poe­sie, die in ih­ren vor­christ­li­chen sa­kra­len Ur­sprün­gen der äl­tes­ten deut­schen na­tur­ge­mäß sehr na­he­stand, kennt und nutzt die­ses „im Wink nur an­klin­gen las­sen“ des (dem Ein­ge­weih­ten) Wohl­be­kann­ten – man den­ke etwa an die Ken­nin­ge der Edda. Aber lie­ber noch um­kreist sie die Din­ge, wen­det sie hin und her, be­leuch­tet sie von den un­ter­schied­lichs­ten Sei­ten und stellt so Be­zie­hung her, wo­durch dann in der Ge­samt­schau das We­sen umso kla­rer her­vor­tritt. Nicht um­sonst ist der grie­chi­sche Fach­be­griff für den lit­ur­gi­schen Hym­nos τροπάριον, was so­viel be­deu­tet wie „das Ge­dreh­te, das hin- und her ge­wand­te“. Es sind oft gan­ze Rei­hen sol­cher „Tro­pa­ri­en“ (Ka­nons, Konda­ki­en, Sti­cho­di­en), in de­nen die je­wei­li­gen In­hal­te be­sun­gen wer­den, so, wie man einst die Schran­ken und Tore des hei­li­gen Be­zir­kes zum Fes­te mit kunst­voll aus Zwei­gen, Blu­men und Früch­ten ge­floch­te­nen Gir­lan­den um­wand. Ge­ra­de die ewi­gen Din­ge, die sich glei­cher­ma­ßen dem bloß ra­tio­na­len Zu­griff wie der bloß emo­tio­na­len An­nä­he­rung ent­zie­hen, tre­ten in der poe­ti­schen, d. h. schöp­fe­ri­schen, gott- und schöp­fungs­ge­mä­ßen Wei­se umso lich­ter her­vor. Ana­log fin­den sich in den Ge­be­ten mit­un­ter gan­ze Wort­ket­ten, etwa in der An­ru­fung ei­ner der gött­li­chen Ge­stal­ten der Hei­li­gen Drei­heit, oder Rei­hun­gen von Epi­the­ta, in wel­chen die ver­schie­de­nen Aspek­te des je­wei­li­gen Ge­gen­stan­des re­flek­tiert wer­den. Eine nicht ge­rin­ge Her­aus­for­de­rung bei der sprach­li­chen Aus­ge­stal­tung die­ser Tex­te im Deut­schen liegt nun, um nur dies eine Bei­spiel zu nen­nen, dar­in, sol­che Rei­hun­gen nicht zu er­mü­den­den syn­ony­men Wör­ter­hau­fen zu­sam­men­schnur­ren zu las­sen, son­dern so zu fas­sen, daß sie tat­säch­lich als dy­na­mi­sche Fol­ge ein­an­der er­gän­zen­der Glanz­lich­ter, ver­gleich­bar de­nen ei­nes kunst­voll fa­cet­tier­ten Edel­stei­nes, her­vor­tre­ten und ihre myst­ago­gi­sche Wir­kung ent­fal­ten. Da­bei spie­len ge­ra­de die ver­nei­nen­den Be­grif­fe (wie: un­vor­stell­bar, un­sag­bar, un­sterb­lich, un­blu­tig u.v.a.) eine gro­ße Rol­le, wie sie die apo­pha­ti­sche Theo­lo­gie und Hal­tung des or­tho­do­xen Chris­ten­tums her­vor­ge­barcht hat. Die Vor­sil­be „un-“ hat hier nichts Pe­jo­ra­ti­ves (wie in: un­schön, un­klar), son­dern drückt viel­mehr den grund­sätz­lich not­wen­di­gen „er­kennt­nis­theo­re­ti­schen Vor­be­halt“ aus. In ein­zel­nen Fäl­len kann man im Deut­schen das ver­nei­nen­de grie­chi­sche „a-“ in ein die Tran­szen­die­rung be­to­nen­des „über-“ ver­wan­deln (wie „über­kör­per­lich“ für „ἀσώματος“.)

Dies tritt be­son­ders im An­fang des Hoch­ge­be­tes, hier bei Gold­mund, hervor:

Wahr­haft wür­dig ist es und recht, Dir zu sin­gen, Dich zu lo­ben, Dich zu seg­nen, Dir zu dan­ken und Dich an­zu­be­ten an je­dem Orte Dei­ner Macht. Du bist der un­vor­stell­ba­re und un­aus­sprech­li­che, un­sicht­ba­re und un­faß­ba­re Gott, ewi­ges Sein, ein­zig aus sich sel­ber sei­end, Va­ter, ein­ge­bo­re­ner Sohn und Hei­li­ger Geist …

Zur Ver­an­schau­li­chung der Be­deu­tung sprach­li­cher Aus­ge­stal­tung die­ne der nach­ste­hen­de Text­ver­gleich des Pries­ter­ge­be­tes zur drit­ten Für­bit­te der Goldmundliturgie.

Buch­hä­ger Übersetzung:

Uns zur Ge­mein­schaft hast Du das in­ni­ge Be­ten ge­schenkt, wie Du ver­hei­ßen hast: “Wo zwei oder drei in Dei­nem Na­men eins wor­den sind, da wer­den ihre Bit­ten er­füllt” – so er­fül­le nun das Ge­bet Dei­ner Söh­ne zum Heil; auf Er­den gieb uns Er­kennt­nis der Wahr­heit, in den Him­meln aber das ewi­ge Leben.

Denn ein gu­ter und men­schen­lie­ben­der Gott bist Du, und Dir brin­gen wir un­se­ren Lob­ge­sang dar, dem Va­ter und dem Soh­ne und dem Hei­li­gen Geis­te, wie es war im An­fang, so auch jetzt und alle Zeit, und in Ewig­keit. Amen.

Kom­mis­si­ons­über­set­zung:

Der du uns die­se ge­mein­sa­men und ein­mü­ti­gen Ge­be­te ge­schenkt hast, und der du ver­hei­ßen hast, zwei­en oder drei­en, die in dei­nem Na­men ein­mü­tig sind, ihre Bit­ten zu ge­wäh­ren, du sel­ber er­fül­le auch jetzt die Bit­ten dei­ner Knech­te und Mäg­de zu ih­rem Nut­zen, in­dem du uns in dem ge­gen­wär­ti­gen Zeit­al­ter die Er­kennt­nis dei­ner Wahr­heit ver­leihst und in dem künf­ti­gen das ewi­ge Le­ben schenkst. 

Denn ein gu­ter und men­schen­lie­ben­der Gott bist du, und dir sen­den wir die Ver­herr­li­chung em­por, dem Va­ter und dem Soh­ne und dem Hei­li­gen Geis­te, jetzt und im­mer­dar und von Ewig­keit zu Ewig­keit. Amen.

Über­set­zung von Neo­phy­tos Edelby:

Du hast uns die­se ge­mein­sa­men und ein­mü­ti­gen Ge­be­te ge­schenkt. Du hast auch ver­spro­chen, wo zwei oder drei in Dei­nem Na­men sich ver­sam­meln, daß Du sie er­hö­rest. So er­fül­le denn jetzt die Bit­ten Dei­ner Die­ner zu ih­rem Heil: Gib uns in die­ser Welt die Er­kennt­nis Dei­ner Wahr­heit, in der zu­künf­ti­gen aber ewi­ges Leben.

Denn ein gü­ti­ger und men­schen­lie­ben­der Gott bist Du, und Dir sen­den wir Lob­preis em­por, Va­ter, Sohn und Hei­li­ger Geist, jetzt und im­mer­dar und von Ewig­keit zu Ewig­keit. Amen.

Nicht nur sprach­li­che, son­dern auch in­halt­li­che (!) Ver­schie­bun­gen sei­en schließ­lich am Bei­spiel des ers­ten Ge­be­tes der Gläu­bi­gen aus der Lit­ur­gie der vor­ge­weih­ten Ga­ben veranschaulicht.

Buch­hä­ger Übersetzung:

Gro­ßer und er­ha­be­ner Gott, durch den le­ben­zeu­gen­den Tod Dei­nes Ge­salb­ten hast Du uns aus der Ver­gäng­lich­keit ins ewi­ge Le­ben ge­stellt. Be­freie all un­se­re Sin­ne von lei­den­zeu­gen­der To­des­star­re, und gieb uns den von in­nen her auf­stei­gen­den Ge­dan­ken als gu­ten Füh­rer ein …

Über­set­zung von Neo­phy­tos Edelby:

Gro­ßer und lob­wür­di­ger Gott, durch den Tod Dei­nes Chris­tus hast Du uns von der Ver­wes­lich­keit zur Un­ver­wes­lich­keit kom­men las­sen. Be­freie alle un­se­re Sin­ne von töd­li­chen Lei­den­schaf­ten und gib ih­nen als gu­ten Füh­rer die in­ne­re Vernunft …

Er­läu­te­rung dazu:

Man be­ach­te die Ge­gen­über­stel­lung des le­ben­zeu­gen­den To­des des Ge­salb­ten und der lei­den­zeu­gen­den To­des­star­re des geis­tig ver­irr­ten Men­schen. Die meis­ten Über­set­zun­gen ge­ben auf­grund ei­ner über­lie­fe­rungs­fer­nen Spi­ri­tua­li­tät die­ser Ge­gen­über­stel­lung eine völ­lig an­de­re Sinn­rich­tung. Da­bei wird der Sach­ver­halt ins Ge­gen­teil ver­kehrt. Es heißt im grie­chi­schen Text näm­lich nicht „von tod­brin­gen­den Lei­den­schaf­ten“, son­dern τῆς ἐμπαθοῦς νεκρώσεως, was in­ter­li­ne­ar als “lei­den­schaft­li­ches Ab­ge­stor­ben­sein” zu über­set­zen wäre. 

Νέκρωσις als Wort taucht in hel­le­nis­ti­scher Zeit auf und be­deu­tet Ab­ster­ben oder Er­stor­ben­sein, wie in Röm IV, 19 vom Er­stor­ben­sein des Lei­bes Abra­hams und Sa­ras die Rede ist. Da­ne­ben ver­wen­det Pau­lus das Wort im Sin­ne von Ab­tö­tung. Oft wird es auch im über­tra­ge­nen Sin­ne ge­braucht und meint das Er­stor­ben­sein des Her­zens, also geis­ti­ge Taub­heit und man­geln­de Le­ben­dig­keit, was sich in­halt­lich über­schnei­det mit πώρωσιςVer­stockt­heit, Her­zens­här­te. Es geht also in dem Ge­bet gar nicht um sinn­li­che Lei­den­schaf­ten, son­dern viel­mehr um “lei­den­schaft­li­che” i. S. v. zwang­haf­te und da­her lei­den­zeu­gen­de Ab­tö­tung und Ab­stump­fung der Wahr­neh­mungs­kräf­te ! Die­se un­christ­li­che „Ab­tö­tung“ ist aber Ver­drän­gung (!) und führt ih­rer­seits zu geis­ti­ger Star­re und Todesverfallenheit. 

Im Ge­bet folgt die Auf­zäh­lung je­ner Din­ge, die wir mei­den und je­ner, die wir er­stre­ben soll­ten, um sol­cher To­des­ver­fal­len­heit zu ent­ra­ten, wel­che trotz der ein für al­le­mal ge­sche­he­nen Er­lö­sung stets noch als Ge­dan­ken­kraft und Sog der Sün­de in uns wirkt. 

Was aber ist mit ἔνδοθεν λογισμὸς ge­meint? „In­ne­re Ver­nunft“? So­fern man dar­un­ter die geis­ti­ge Ver­nunft als Wahr­neh­mungs- und Er­kennt­nis­ver­mö­gen des Inne­ren Men­schen ver­steht, liegt man si­cher­lich nicht falsch. Doch ist λογισμὸς nicht Ver­nunft (das wäre διανοία), son­dern nur der Ge­dan­ke; vor al­lem aber han­delt es sich um ei­nen Kern­be­griff der or­tho­do­xen As­ke­tik. ἔνδοθεν ist nicht nur in­nen, son­dern von-in­nen-her. Es ist also nicht all­ge­mein von der geis­ti­gen Er­kennt­nis­kraft die Rede, schon gar nicht von „Ver­nunft“ im heu­te gän­gi­gen ra­tio­na­lis­ti­schen Sin­ne, son­dern kon­kret von je­nen „Ge­dan­ken“, die aus dem gotterken­nen­den Her­zen auf­stei­gen, wel­ches in der Über­lie­fe­rung auch als „das In­ne­re“ be­zeich­net wird, und wor­über bei den hei­li­gen Vä­tern We­sent­li­ches ge­sagt ist. Ins­be­son­de­re ist an des hl. Gre­gor Pa­la­mas’ Er­läu­te­run­gen zum Zu­stand der Her­zens­rein­heit zu den­ken, in wel­chem die Ge­dan­ken Got­tes sich dem ge­öff­ne­ten Geis­te des Men­schen ein­sie­geln. Von die­ser Art des Ge­dan­kens ist hier die Rede. Und eben die­ser möge zum ἀγαθόν ἡγεμόνα, zum gu­ten Füh­rer un­se­rer Sin­ne­s­tä­tig­keit werden.

Ins­ge­samt be­dient das Ge­bet also ge­ra­de nicht jene weit­ver­brei­te­ten pseu­dochrist­li­chen Vor­stel­lun­gen von der „Ab­tö­tung der Sin­ne“, son­dern zielt im Ge­gen­teil auf de­ren Ge­sun­dung, Rei­ni­gung und Ver­ede­lung. Erst kraft sol­cher Wie­der­her­stel­lung und rech­ten Len­kung wer­den sie näm­lich über­haupt in die Lage ver­setzt, die zum geis­ti­gen Tode füh­ren­de Macht der Sün­de und der An­haf­tung an Un­ei­gent­li­ches zu ent­lar­ven und sich ihr in männ­li­chem Kamp­fe zu widersetzen.