DEUTSCH ALS HEILIGE SPRACHE
von Altvater Johannes, Abt von Buchhagen
In der orthodoxen Kirche wird der Gottesdienst seit jeher in der Volkssprache gefeiert. Bei der Herabkunft des Heiligen Geistes, 50 Tage nach der Auferstehung, hörte und verstand jeder die Predigt der Apostel in seiner eigenen Sprache. Daher sind »die Völker« (τὰ ἔθνοι) nicht länger, wie im Alten Bunde, einfach »die Heiden«, die dem auserwählten »Volke Gottes« (ὄ λαὸς τοῦ θεοῦ) fremd und gesichtslos gegenüber stünden. Vielmehr ist jedes Volk eine von Gott gegebene gleichermaßen irdische wie geistige Wirklichkeit und wird als solches angesprochen. Daher lautet der biblische Auftrag des Heilandes: „ …machet zu Jüngern alle Völker“ ! Jede Sprache, in der Gott »in Geist und in Wahrheit« angebetet und verherrlicht wird, ist »Heilige Sprache«. Die orthodoxe Liturgie ist »öffentlicher heiliger Dienst« und zugleich, wie die Väter erläutern, geistige »Volksschöpfung«. Denn in ihr errichtet sich das »Volk Gottes« als geistiger Kern des jeweiligen Volkes.
Orthodoxe Liturgie ist das Kultmysterium par excellence, Kristallisationsraum gottmenschlichen Lebens. Sie ist Mystagogie, Hinführung zum ewigen Mysterium, Teilhabe am ewigen Gesang der Engel und sakramentale Einswerdung im lebendigen Gott. Die Gottes- und Seinserfahrung von Jahrtausenden, Theologie, Anthropologie, Ethos und Mystik, haben sich hier zu heiligem Vollzug verdichtet.
Die orthodoxe Liturgie in deutscher Sprache feiern bedeutet daher zugleich: Heiligung des Deutschen, Erhebung unserer Sprache zur sakralen Würde. Das setzt freilich voraus, daß der Kult nicht von Menschen für Menschen gemacht, sondern daß er tatsächlich in der Ewigkeit verankert, also wahr im Vollsinne des Begriffes, wirkmächtiger »Widerhall des ewigen Gesangs der Engel« ist. Darum muß die im Kult erklingende Sprache dem Heiligen angemessen sein, muß aus der Ewigkeit in die Zeit herüberklingen. Als Übersetzer heiliger Texte müssen wir vorab unsere deutsche Sprache von ihrem innersten geistigen Grunde her erkennen und zum Klingen bringen, von dort her, wo sie selber dem Ewigen Worte Gottes entquillt und auch ontisch schon Urwort, Heilige Sprache ist.
Das Mysterium gottmenschlichen Lebens überschreitet alle menschliche Begrifflichkeit und Vorstellung und entzieht sich jedem abstrahierenden Zugriff. Es will gelebt und gefeiert werden. Die altkirchliche Liturgie spricht nicht allein Verstand und Gemüt, sondern alle menschlichen Kräfte und Fähigkeiten an, zuvörderst die geistigen. Sie erhebt den ganzen Mensch mit Geist, Seele und Leib, richtet ihn aus und führt ihn zur Einheit in Gott. Dabei ist sie angewiesen auf das harmonische Zusammenspiel von Architektur, Ikonographie, Choreographie, Ethos, Gesang und Gebet. Jeder Widerstreit, jede Schere zwischen Form und Inhalt wirkt störend, mitunter zerstörend. Wenn die Voraussetzung wirkmächtigen liturgischen Vollzuges »Wahrheit« ist (Verankerung in der Ewigkeit, Übereinstimmung mit den göttlichen Urbildern), so sind Schönheit und Erhabenheit Kennzeichen seiner echten »Gestalt«.
So sehr also Liturgie aus Gründen quillt, die jenseits des rationaliter Faßbaren liegen, so sehr ist sie doch auf Verstehen angewiesen; freilich eines, welches tiefer gründet als abstrakter Hirnverstand. Liturgie erschließt sich im lauschenden und schauenden Mitvollzug. Das in Gebet und verinnerlichender Stille geöffnete Herz vernimmt inwendig die erlösende Weisung und wird belebt und erhoben durch den Einstrom der göttlichen Gnade und Kraft. Die geistige Vernunft – d. i. die Wahrnehmungs- und Erkenntniskraft des Herzens – greift nicht kürzer, sondern unendlich weiter als die rationale, fleischliche Vernunft. Dabei stehen diese beiden keineswegs im Widerstreit, sondern sind vielmehr unterschiedliche und einander notwendig ergänzende Weisen des Vernehmens und Erkennens …
Das gilt entsprechend für die liturgische Sprache. Wer da behauptet, das Verstehen sei dem Mysterium abträglich, und eine Fremdsprache tauge deshalb besser zur Liturgie als die eigene, sitzt einem fatalen Fehlurteil über das Wesen des Mysteriums und des Christentums auf, ähnlich jenem, der wähnt, es mit bloß irdischem Verstande beherrschen, Gebet und Kult durch »Denken« und »Moral« ersetzen zu können. Liturgische Sprache muß die verschiedenen Ebenen und Tiefenschichtungen des Mysteriums klingen lassen und im Menschen initiieren.
In Werbung und Politik wird Sprache seit jeher bewußt eingesetzt, um die jeweils erwünschten Wirkungen zu erzielen, bekanntlich keineswegs immer zum Wohle des Menschen … Die Absenkung des Sprachniveaus, bis hin zur Zerstörung und Veränderung der Sprache selbst, ist Kennzeichen eines menschenverachtenden Totalitarismus, der damit die Entgeistigung und Entmündigung der Menschen mit dem Ziel ihrer leichteren Entmündigung und Versklavung bezweckt. Jede echte Kultur hingegen wird um Hebung der Sprache und der Sprachfähigkeit bemüht sein, mit dem Ziel der geistigen Freiheit und Selbständigkeit des Menschen. Wieviel notwendiger ist es da erst recht im Bereich des Heiligen, wo es um die Wahrheit und Fülle des Seins schlechthin, um die ewigen Dinge und das Mysterium gottmenschlichen Lebens geht, unsere wundervolle, altehrwürdige und überreiche deutsche Sprache in ihrer ganzen Schönheit, Kraft und Tiefe und Erhabenheit zu verwenden!
Die Art und Weise, wie wir Liturgie erleben, streng genommen sogar ihre Wirkmächtigkeit, wird wesentlich durch die Sprache, genauerhin ihre Kultur oder Unkultur, beeinflußt. Ihre semantische Seite – Wortwahl, Klarheit, Stimmigkeit des Ausdrucks, inhaltliche Anklänge, mitschwingende Erinnerungen etc. – ist verantwortlich für die inhaltliche Tiefe (oder Untiefe) des Geschehens. Ihre poetisch-musikalische Seite – Wirkungen und Zusammenspiel der Klänge und Rhythmen – prägt die Stimmung, giebt dem Ganzen Farbe, Anmutung und Gestalt. Mithilfe sprachlicher Feinheiten und Färbungen können Sinnzusammenhänge je nachdem nur zart angedeutet oder schärfer umrissen, im Hintergrund verankert oder hervorgehoben und ins Licht gestellt werden. Umgekehrt kann mit gleichen Mitteln Wirklichkeit oder Sinn vernebelt, verfälscht, kann schlimmstenfalls gelogen und manipuliert werden. Und nicht zuletzt kann trotz besten Willens und ohne böse Absicht Sinn verfremdet und schlimmstenfalls verfehlt werden, wofern man sich über diese Dinge nicht im Klaren und fahrlässig im Umgang mit Sprache ist. Die moderne Forderung, liturgische Sprache müsse „einfach und allgemeinverständlich“ sein, hat zwar einen richtigen Kern, führt aber oft dazu, daß das Heilige herabgezogen und profaniert – also seines geistigen Wesenskernes beraubt wird. Man täusche sich nicht darüber hinweg, daß die Absenkung des Sprachniveaus immer den Zugang zum Kultmysterium behindert und versperrt, auch wenn es nicht bis zur Schmerzgrenze getrieben wird.
Als besonders problematisch erweisen sich solch abstrakte Forderungen wie jene, jeweils ein griechisches Wort mit immer demselben deutschen Wort zu übertragen, was angeblich größtmögliche „Nähe zum Urtext“ gewährleisten soll. Tatsächlich wird dadurch der Urtext kastriert, und die Tatsache ausgeblendet, daß im Deutschen ebenso wie im klassischen und frühmittelalterlichen Griechischen Wörter sich semantisch überschneiden, daß zumal in liturgischen, philosophischen und poetischen Texten bestimmte Kernbegriffe in verschiedenen und teils besonderen, nur in bestimmten Zusammenhängen in Frage kommenden Bedeutungen eingesetzt werden, und schon von daher eine sehr viel differenziertere Herangehensweise bei der Übertragung erheischen. Wörter gewinnen oft erst durch ihren Ort und Zusammenhang ihren semantischen Hof. Nicht zuletzt sollte man – bei aller poetischer Freiheit – Grammatik, Syntax und linguistischen Code des Deutschen achten und wahren. Sakrale Sprache darf weder unverständlich sein (das wäre billiger Mystizismus), noch darf sie sich dem alltäglichen Sprachgebrauche anbiedern und dem Niederen oder auch nur dem Gemeinen und Alltäglichen Vorschub leisten. Sie soll einprägsam und klar, aber nicht wohlfeil, vielmehr dem heiligen Geschehen angemessen sein. Sie soll ansprechen, sammeln, erwecken und erheben; sie muß durchdringen ohne aufdringlich zu wirken, Herz und Sinn zum Geist hin ausrichten. Als gelungen darf man sie bezeichnen, wenn sie – bei größter Treue zum Gegebenen – gut über die Lippen und zu Herzen geht, und dabei im Sinne des theourgischen und mystagogischen Geschehens wirkmächtig ist.
Zur Übersetzung heiliger Texte im Geiste der Heiligen Überlieferung bedarf es, neben den selbstverständlichen philologischen und theologischen Voraussetzungen, eines tiefen persönlichen Glaubenslebens, einer Grundhaltung der Demut, der Klarheit und der geistigen Unterscheidung, sodann aber auch eines ausgeprägten Sprachempfindens und … letztlich – tiefer Liebe zum Deutschen.
Die rechtehrende (orthodoxe) Kirche hat im Bereich des Kultus, der Geistigkeit, des Gottes- und Menschenbildes (Theologie und Anthropologie) vieles bewahrt, was anderswo im Laufe der Geschichte verloren, mitunter entwertet oder verfälscht erscheint. Weit entfernt davon, sich in „orientalisch blumiger Ausdrucksweise“ zu verlieren – welche oft gehörte Behauptung nur ein zweckdienliches Vorurteil ist – bildet die orthodoxe liturgische Poesie mit der Sprache der Theologie, Philosophie, Anthropologie und Spiritualität eine untrennbare Einheit. Dabei ist sie in den entscheidenden Dingen von bewundernswerter begrifflicher Klarheit, ohne indes der Versuchung der Abstraktion zu erliegen oder ihr auch nur nachzugeben. Daß sie nicht trotzdem, sondern gerade deswegen Poesie ist, wird jedem, der ein tieferes Sprachempfinden und genügend Erfahrung orthodoxer christlicher Geistigkeit besitzt, unmittelbar einleuchten. Denn ihre Eigentümlichkeit besteht darin, daß sie in Worte faßt, was wesentlich jenseits abstrakter Begrifflichkeit liegt, was aber gleichwohl – weil aus dem Ewigen Worte (Joh. I) geboren – Worte der Wahrheit und des ewigen Lebens (Joh. VI, 68) zu reinster Gestalt verdichtet. Sie transzendiert die asketisch geläuterten und kristallinen Begriffe der Heiligen Überlieferung zu lobpreisendem geistdurchwobenem Gesang.
Hierin nun besteht eine ihrer Schwierigkeiten bei der Übertragung. Denn gute deutsche Poesie zieht es vor, in wenigen wohlgefügten Worten viel zu sagen und noch mehr zu bedeuten, indem sie auf vorgewußte Beziehungen rekurriert. Die griechische liturgische Poesie, die in ihren vorchristlichen sakralen Ursprüngen der ältesten deutschen naturgemäß sehr nahestand, kennt und nutzt dieses „im Wink nur anklingen lassen“ des (dem Eingeweihten) Wohlbekannten – man denke etwa an die Kenninge der Edda. Aber lieber noch umkreist sie die Dinge, wendet sie hin und her, beleuchtet sie von den unterschiedlichsten Seiten und stellt so Beziehung her, wodurch dann in der Gesamtschau das Wesen umso klarer hervortritt. Nicht umsonst ist der griechische Fachbegriff für den liturgischen Hymnos τροπάριον, was soviel bedeutet wie „das Gedrehte, das hin- und her gewandte“. Es sind oft ganze Reihen solcher „Troparien“ (Kanons, Kondakien, Stichodien), in denen die jeweiligen Inhalte besungen werden, so, wie man einst die Schranken und Tore des heiligen Bezirkes zum Feste mit kunstvoll aus Zweigen, Blumen und Früchten geflochtenen Girlanden umwand. Gerade die ewigen Dinge, die sich gleichermaßen dem bloß rationalen Zugriff wie der bloß emotionalen Annäherung entziehen, treten in der poetischen, d. h. schöpferischen, gott- und schöpfungsgemäßen Weise umso lichter hervor. Analog finden sich in den Gebeten mitunter ganze Wortketten, etwa in der Anrufung einer der göttlichen Gestalten der Heiligen Dreiheit, oder Reihungen von Epitheta, in welchen die verschiedenen Aspekte des jeweiligen Gegenstandes reflektiert werden. Eine nicht geringe Herausforderung bei der sprachlichen Ausgestaltung dieser Texte im Deutschen liegt nun, um nur dies eine Beispiel zu nennen, darin, solche Reihungen nicht zu ermüdenden synonymen Wörterhaufen zusammenschnurren zu lassen, sondern so zu fassen, daß sie tatsächlich als dynamische Folge einander ergänzender Glanzlichter, vergleichbar denen eines kunstvoll facettierten Edelsteines, hervortreten und ihre mystagogische Wirkung entfalten. Dabei spielen gerade die verneinenden Begriffe (wie: unvorstellbar, unsagbar, unsterblich, unblutig u.v.a.) eine große Rolle, wie sie die apophatische Theologie und Haltung des orthodoxen Christentums hervorgebarcht hat. Die Vorsilbe „un-“ hat hier nichts Pejoratives (wie in: unschön, unklar), sondern drückt vielmehr den grundsätzlich notwendigen „erkenntnistheoretischen Vorbehalt“ aus. In einzelnen Fällen kann man im Deutschen das verneinende griechische „a-“ in ein die Transzendierung betonendes „über-“ verwandeln (wie „überkörperlich“ für „ἀσώματος“.)
Dies tritt besonders im Anfang des Hochgebetes, hier bei Goldmund, hervor:
Wahrhaft würdig ist es und recht, Dir zu singen, Dich zu loben, Dich zu segnen, Dir zu danken und Dich anzubeten an jedem Orte Deiner Macht. Du bist der unvorstellbare und unaussprechliche, unsichtbare und unfaßbare Gott, ewiges Sein, einzig aus sich selber seiend, Vater, eingeborener Sohn und Heiliger Geist …
Zur Veranschaulichung der Bedeutung sprachlicher Ausgestaltung diene der nachstehende Textvergleich des Priestergebetes zur dritten Fürbitte der Goldmundliturgie.
Buchhäger Übersetzung:
Uns zur Gemeinschaft hast Du das innige Beten geschenkt, wie Du verheißen hast: “Wo zwei oder drei in Deinem Namen eins worden sind, da werden ihre Bitten erfüllt” – so erfülle nun das Gebet Deiner Söhne zum Heil; auf Erden gieb uns Erkenntnis der Wahrheit, in den Himmeln aber das ewige Leben.
Denn ein guter und menschenliebender Gott bist Du, und Dir bringen wir unseren Lobgesang dar, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit, und in Ewigkeit. Amen.
Kommissionsübersetzung:
Der du uns diese gemeinsamen und einmütigen Gebete geschenkt hast, und der du verheißen hast, zweien oder dreien, die in deinem Namen einmütig sind, ihre Bitten zu gewähren, du selber erfülle auch jetzt die Bitten deiner Knechte und Mägde zu ihrem Nutzen, indem du uns in dem gegenwärtigen Zeitalter die Erkenntnis deiner Wahrheit verleihst und in dem künftigen das ewige Leben schenkst.
Denn ein guter und menschenliebender Gott bist du, und dir senden wir die Verherrlichung empor, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Übersetzung von Neophytos Edelby:
Du hast uns diese gemeinsamen und einmütigen Gebete geschenkt. Du hast auch versprochen, wo zwei oder drei in Deinem Namen sich versammeln, daß Du sie erhörest. So erfülle denn jetzt die Bitten Deiner Diener zu ihrem Heil: Gib uns in dieser Welt die Erkenntnis Deiner Wahrheit, in der zukünftigen aber ewiges Leben.
Denn ein gütiger und menschenliebender Gott bist Du, und Dir senden wir Lobpreis empor, Vater, Sohn und Heiliger Geist, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Nicht nur sprachliche, sondern auch inhaltliche (!) Verschiebungen seien schließlich am Beispiel des ersten Gebetes der Gläubigen aus der Liturgie der vorgeweihten Gaben veranschaulicht.
Buchhäger Übersetzung:
Großer und erhabener Gott, durch den lebenzeugenden Tod Deines Gesalbten hast Du uns aus der Vergänglichkeit ins ewige Leben gestellt. Befreie all unsere Sinne von leidenzeugender Todesstarre, und gieb uns den von innen her aufsteigenden Gedanken als guten Führer ein …
Übersetzung von Neophytos Edelby:
Großer und lobwürdiger Gott, durch den Tod Deines Christus hast Du uns von der Verweslichkeit zur Unverweslichkeit kommen lassen. Befreie alle unsere Sinne von tödlichen Leidenschaften und gib ihnen als guten Führer die innere Vernunft …
Erläuterung dazu:
Man beachte die Gegenüberstellung des lebenzeugenden Todes des Gesalbten und der leidenzeugenden Todesstarre des geistig verirrten Menschen. Die meisten Übersetzungen geben aufgrund einer überlieferungsfernen Spiritualität dieser Gegenüberstellung eine völlig andere Sinnrichtung. Dabei wird der Sachverhalt ins Gegenteil verkehrt. Es heißt im griechischen Text nämlich nicht „von todbringenden Leidenschaften“, sondern τῆς ἐμπαθοῦς νεκρώσεως, was interlinear als “leidenschaftliches Abgestorbensein” zu übersetzen wäre.
Νέκρωσις als Wort taucht in hellenistischer Zeit auf und bedeutet Absterben oder Erstorbensein, wie in Röm IV, 19 vom Erstorbensein des Leibes Abrahams und Saras die Rede ist. Daneben verwendet Paulus das Wort im Sinne von Abtötung. Oft wird es auch im übertragenen Sinne gebraucht und meint das Erstorbensein des Herzens, also geistige Taubheit und mangelnde Lebendigkeit, was sich inhaltlich überschneidet mit πώρωσις – Verstocktheit, Herzenshärte. Es geht also in dem Gebet gar nicht um sinnliche Leidenschaften, sondern vielmehr um “leidenschaftliche” i. S. v. zwanghafte und daher leidenzeugende Abtötung und Abstumpfung der Wahrnehmungskräfte ! Diese unchristliche „Abtötung“ ist aber Verdrängung (!) und führt ihrerseits zu geistiger Starre und Todesverfallenheit.
Im Gebet folgt die Aufzählung jener Dinge, die wir meiden und jener, die wir erstreben sollten, um solcher Todesverfallenheit zu entraten, welche trotz der ein für allemal geschehenen Erlösung stets noch als Gedankenkraft und Sog der Sünde in uns wirkt.
Was aber ist mit ἔνδοθεν λογισμὸς gemeint? „Innere Vernunft“? Sofern man darunter die geistige Vernunft als Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögen des Inneren Menschen versteht, liegt man sicherlich nicht falsch. Doch ist λογισμὸς nicht Vernunft (das wäre διανοία), sondern nur der Gedanke; vor allem aber handelt es sich um einen Kernbegriff der orthodoxen Asketik. ἔνδοθεν ist nicht nur innen, sondern von-innen-her. Es ist also nicht allgemein von der geistigen Erkenntniskraft die Rede, schon gar nicht von „Vernunft“ im heute gängigen rationalistischen Sinne, sondern konkret von jenen „Gedanken“, die aus dem gotterkennenden Herzen aufsteigen, welches in der Überlieferung auch als „das Innere“ bezeichnet wird, und worüber bei den heiligen Vätern Wesentliches gesagt ist. Insbesondere ist an des hl. Gregor Palamas’ Erläuterungen zum Zustand der Herzensreinheit zu denken, in welchem die Gedanken Gottes sich dem geöffneten Geiste des Menschen einsiegeln. Von dieser Art des Gedankens ist hier die Rede. Und eben dieser möge zum ἀγαθόν ἡγεμόνα, zum guten Führer unserer Sinnestätigkeit werden.
Insgesamt bedient das Gebet also gerade nicht jene weitverbreiteten pseudochristlichen Vorstellungen von der „Abtötung der Sinne“, sondern zielt im Gegenteil auf deren Gesundung, Reinigung und Veredelung. Erst kraft solcher Wiederherstellung und rechten Lenkung werden sie nämlich überhaupt in die Lage versetzt, die zum geistigen Tode führende Macht der Sünde und der Anhaftung an Uneigentliches zu entlarven und sich ihr in männlichem Kampfe zu widersetzen.
AUFBAU DER GÖTTLICHEN LITURGIE
Der Mysteriencharakter des orthodoxen Gottesdienstes verdichtet sich in der göttlichen Liturgie, der Feier des gottmenschlichen Mysteriums schlechthin. Der Mitvollzug der Mysterienfeier und die Teilhabe an den, wie der heilige Johannes Goldmund (Chrysostomos) es ausdrückt, heiligen, gewaltigen und schrecklichen Mysterien fordert vom Gläubigen eine entsprechende Haltung sowie besondere innere und äußere Vorbereitung. Auf liturgischer Ebene geschieht dies durch die Mitfeier der Heiligen Vesper am Vorabend, durch Fasten und Enthaltung vor der Liturgie, durch würdige Kleidung und Haltung sowie durch den sorgfältigen Mitvollzug der heiligen Gesten der Anbetung und Verehrung. Die geistige Ebene wird in der Mystagogie des heiligen Maximos des Bekenners beschrieben. Während der Feier des Orthros empfängt der diensthabende Priester den Segen vom Abt und nimmt Zeit, d.h. er beginnt mit den Stufengebeten. Dann vollzieht der Priester am Rüstaltar (Prothesis) einen besonderen Ritus zur Bereitung der Gaben.
1. Vorbereitung der Zelebranten
a) Zeit nehmen. Gebete des Priesters, mit denen er sich, nachdem er den Segen vom Abt empfangen hat, an der Bilderwand in mehreren Schritten auf den heiligen Dienst vorbereitet.
b) Bekleidung der Priester und Diakone mit den heiligen Gewändern im Diakonikon, was unter entsprechenden Gebeten vollzogen wird.
2. Zurüstung (Proskomidie)
a) Bereitung der Opfergaben. Brot und Wein werden unter Vergegenwärtigung des einmaligen und unwiederholbaren Opfers Jesu Christi zubereitet. Dabei wird aus dem Weihebrot der Mittelteil, das Lamm, herausgeschnitten, auf den Diskos gelegt und rituell angeschnitten (… wie ein Lamm ward Er zur Schlachtbank geführt, …) sodann Wein und Weihwasser in den Kelch gegossen (… ein Krieger durchstach Seine Seite mit einem Speer, und sogleich quollen Blut und Wasser hervor …)
b) Hinzufügung weiterer Teilchen des Weihebrotes für die Mutter Gottes, die Engel und Heiligen, den Altvater und den Bischof, für diejenigen lebenden und verstorbenen Gläubigen, die in den Gedenkbüchern des Heiligtums verzeichnet sind, sowie für jene, für die einzelne Gläubige Opferzettel abgegeben haben.
c) Verhüllung der Gaben. Sodann werden Kelch und Diskos mit kreuzförmigen Tüchern und beides mit einem größeren Tuch, dem Wind, umhüllt, was auf die dem menschlichen Verstand und den äußeren Sinnen unerkennbare Seite des Mysteriums verweist.
d) Segnung und Weihrauch. Schließlich setzt der Priester das eine ewige Opfer und das liturgische Geschehen und die Gedenken und Fürbitten und alle Gaben zueinander in Beziehung und segnet alles mit dem Zeichen des Kreuzes und heiligem Weihrauch.
WORTTEIL
3. Eröffnungsteil (Enarxis) mit Einzug
Ist ein Bischof zugegen, wird er zunächst von den übrigen Zelebranten an der Tempeltüre in Empfang genommen und durch Narthex und Königstüre in die Mitte des Tempels geführt (meist etwas westlich der Mitte, mitunter gleich an der Türe), wo dann alle weiteren Zelebranten den Segen von ihm empfangen. Der im Rang nächste nach ihm geht zum Altar und spricht den Eingangssegen. Der Bischof bleibt bis zum Einzug am Ambo, wo er von Diakonen mit den heiligen Gewändern bekleidet wird.
Trinitarischer Eingangssegen. „Gesegnet sei das urewige Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit.“
Große Fürbitten, erstes Priestergebet.
Erster Wechselgesang, i.d.R. Psalm 102. Festtage haben hier eigene Psalmen.
Kleine Fürbitten. Zweites Priestergebet.
Zweiter Wechselgesang, i.d.R. Psalm 145. Festtage haben hier eigene Psalmen.
Hymnos O Eingeborener Sohn, Ewiges Wort …
Kleine Fürbitten. Drittes Priestergebet.
Dritter Wechselgesang, die Seligpreisungen. Festtage haben hier eigene Psalmen.
Einzug. Unter dem Gesang des „Rette uns, Sohn Gottes, der du …(Festmotto)“ ziehen die Zelebranten auf den Ambo in der Mitte des Tempels, der heute meist nur noch durch eine entsprechende mehr oder weniger kunstvolle Markierung auf dem Fußboden angedeutet ist. Dabei trägt der Diakon das Evangeliar. Der Hauptzelebrant (Proestos, d.h. Bischof oder Abt oder der sonst ranghöchste Priester) segnet den Einzug.
Festgesänge. Der Chor singt die Hymnen des Tages und die Troparien des Klosters bzw. des Tempels, zuletzt den Hymnos zur Mutter Gottes „Hilfe der Christen …“.
4. Lesungen
Priestergebet zur Einleitung des dreiheiligen Hymnos (Trishagion).
Der dreiheilige Hymnos (Trishagion) wird im Wechsel von Chor/Gemeinde und Altar gesungen, wobei nach jeder Anrufung die entsprechende Gebetshaltung (Oranta) in einer tiefen Verbeugungen (Metanien, Proskynesen) mündet.
Wechselgesang zur Einleitung der Lesungen (Prokimenon, von gr. pro = vor und keimenon = Text, also: was vor dem Text steht). Das sind Psalmverse, die der Vorsänger einzeln vorträgt, wobei der Chor den ersten Vers oder Halbvers als Kehrvers (Refrain) singt. Das Prokimenon ist gewissermaßen ein „Motto“ für den Festgedanken des Tages.
Lesung aus der Apostelgeschichte oder den apostolischen Briefen.
Alleluja. Das Alleluja wird von allen gesungen, der Chor fügt zwischen den Allelujarufen wiederum Psalmverse ein. Dabei weihräuchert der Vorsteher am Altar und, von der Solea aus, die Bilderwand und die Gläubigen.
Friedensgruß und Evangelium. Der Diakon empfängt vom Vorsteher das Evangeliar und trägt es in feierlicher Prozession zum Ambo in der Mitte des Tempels, wo ein Schlangenpult aufgebaut ist (… so wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden …). Nach entsprechenden Segnungen und Gesängen im Wechsel von Vorsteher und Gemeinde trägt der Diakon das Evangelium des Tages vor, und zwar immer in einer besonderen, rituellen Gesangsart, dem sogenannten Leseton.
Homilie. Nach der Rücktragung des Evangeliars segnet der Vorsteher mit diesem die Versammlung und er, oder ein anderer Priester, legt die Schrift aus. Dabei soll gemäß der heiligen Überlieferung besonders der geistige Sinn verdeutlicht werden.
Große allgemeine Fürbitten.
Fürbittengebet für die Katechumenen, sonnabends außerdem besonders für die Verstorbenen.
Entlassung der Katechumenen. Zur Feier der heiligen Mysterien begeben sich alle, die nicht im inneren Tempel bleiben dürfen (Katechumenen, Energumenen, Unvorbereitete, Andersgläubige usw.) in den Vortempel (Narthex). Sie nehmen dort aber gleichwohl weiter am Gottesdienst teil, indem sie möglichst alle Verbeugungen, Gesänge und liturgischen Interaktionen sorgfältigst mitvollziehen, weil der Stand der Katechumenen ja ein Stand des Lernens und Einübens der Orthopraxie ist. Im inneren Tempel gelten jetzt die strengsten Regeln, und jeder, der dort anwesend ist, muß selbstverständlich alle Riten und Verehrungen (Niederwerfungen, Verbeugungen, Gebete, usw.) vollständig mitvollziehen.
Nach der frühchristlichen Arkandisziplin (von lat. Arkanum = heiliges Geheimnis, Mysterium) dürfen sich nur vorbereitete orthodoxe Christen während der Mysterienfeier im inneren Tempel aufhalten. Wer im Stand der Sünde ist oder eine ernsthafte Verfehlung nicht rechtzeitig vorher beichten konnte, kann ebenfalls, als Energumene, nur im Vortempel an der Mysterienfeier teilnehmen. Das bedeutet nach den Erklärungen der Väter, daß auch die Gläubigen, die im inneren Tempel bleiben, nun alles, was an ihnen äußerlich, weltlich und nicht Gott gemäß ist an Gedanken, Stimmungen, Haltungen und Erinnerungen fortschicken müssen. Die Arkandisziplin symbolisiert sowohl das jüngste Gericht als auch Entscheidung und Reinigung, welche jeder echten Gottesbegegnung vorausgehen müssen.
MYSTERIENTEIL
5) Großer Einzug.
Fürbitten und Priestergebete für die Gläubigen.
Cherubischer Hymnos und Weihrauchdarbringung. Der Chor singt den ersten Teil des cherubischen Hymnos „Himmlische Scharen der Cherubim bilden wir im Mysterion ab, und singen der lebenspendenden Dreifaltigkeit den dreiheiligen Hymnos, all irdische Sorge laßt fahren dahin.“ Unter diesem Gesang bringt der Vorsteher, begleitet von Diakonen und ggf. Lichtträgern, im Allerheiligsten und im ganzen Tempel Weihrauch dar, was das Nahen der Göttlichen Gegenwart anzeigt. Dabei erinnert er sich der Größe und Erhabenheit der nun beginnenden schaudererregenden Mysterien, der Heiligkeit Gottes und bittet für sich um Läuterung und um die Einwirkung der Gnade und Kraft des Heiligen Geistes für den heiligen Vollzug, wobei er selbst nicht der wirkende ist, sondern derjenige, durch den Christus, der Sohn Gottes und himmlische Hohepriester selbst, wirkt. In den folgenden Gebeten finden sich mehrere Bitten um Herabsendung des Heiligen Geistes, die später in der großen Herabrufung zur Wandlung (Epiklese) ihren Höhepunkt finden.
Großer Einzug. Priester und Diakone übertragen nun die vorgeheiligten Opfergaben vom Rüstaltar zum heiligen Hochaltar. Diese feierliche Prozession hat mehrere Symbolebenen, derer jeder Gläubige nun sich erinnert und sie in ehrfurchtsvoller geistiger Schau kontempliert. In der Mitte des Tempels gedenken sie der Hierarchen; bzw. wenn ein Bischof zelebriert, überreichen sie nur die Gaben an der Paradiespforte dem Bischof, und dieser spricht das Gedenken.
Der Chor singt den zweiten Teil des Cherubischen Hymnos „Den König des Alls zu empfangen, geleitet in den Kreisen der Engel unsichtbar, Alleluja.“, während Priester und Diakone ins Allerheiligste ziehen. Der Vorsteher stellt die Gaben auf den Altar; dabei werden die Kreuztücher von Kelch und Diskos abgenommen und beides mit dem Wind verhüllt und beweihräuchert. Das begleitende Gebet entspricht einem Karfreitagshymnos und erinnert an Kreuz und Grab des Heilandes. Schließlich bittet er um den Segen für die folgenden heiligen Vollzüge, der mit den Worten des Engels Gabriels an Maria erteilt wird „Der Heilige Geist wird über dich kommen …“ und die Türen und der Vorhang der Heiligen Pforte werden geschlossen. Letzteres verweist darauf, daß alles, was fürder geschieht, den äußeren Sinnen und dem äußeren Verstand unzugänglich ist und nunmehr alles in geistiger Schau wahrgenommen werden muß.
Fürbitten und Gebete um die Annahme der dargebrachten Gaben.
6. Glaubensbekenntnis und Friedenskuß
Friedensgruß.
Aufforderung zum Bekenntnis.
Friedenskuß und Christusgruß zwischen allen Beteiligten (heute nur zwischen Klerikern)
Glaubensbekenntnis von Nikaia-Konstantinopel, von allen laut gesprochen.
7. Darbringung und Wandlung (Anaphora)
Wechselgesang zwischen Priester und Gemeinde zum eucharistischen Hochgebet „Höret, stehen wir in Ehrfurcht, haben wir acht, daß wir das heilige Opfer in Frieden vollbringen …“
Großes Priestergebet (Hochgebet) zur Darbringung (Opferung, Anaphora) „Wahrhaft würdig ist es und recht …“ Dieses Gebet beginnt mit dem Lobpreis (Doxologia) und der Danksagung (Eucharistia) und mündet zunächst in den Engelgesang des dreimal Heilig.
Engelgesang „ Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herre Sabaoth …“, womit alle Anwesenden in die Chöre der Engel erhoben werden, d.h. ihr Bewußtsein zur geistigen Schau und zur Erkenntniskraft der Engel erheben sollen.
Gedenken (Erinnern, Anamnese) Fortsetzung des Priestergebetes zur Darbringung, Einführung der Einsetzungsworte und des Auftrages des Herrn vom Kardonnerstag.
Einsetzungsworte, wobei der Chor jedesmal ein melismatisches „Amen“ singt.
Darbringung der Opfergaben an Gott durch Erhebung (Anaphora, Elevatio) derselben mit überkreuzten Armen. Darauf singt die Gemeinde „Dir singen wir, Dich preisen wir, Herr, Dir danken wir und beten zu Dir, unser Gott“
Wandlung der Opfergaben durch Herabrufung des Heiligen Geistes (Epiklese). Der Priester führt das Hochgebet weiter bis zur Herabrufung des Heiligen Geistes, worauf Gott, der Heilige Geist, selbst die Wandlung wirkt. Darauf rufen alle laut dreimal „Amen“ und werfen sich mit der Stirn zu Boden, als Ehrfurchtsbezeugung gegen Gott, der nun im Fleisch erschienen ist. Die göttliche Gegenwart (Schechina) ist nun leibhaftig im Tempel gegenwärtig.
8. Gedenken der ganzen heiligen Kirche
Nach der Wandlung werden die bei der Zurüstung zurückgebliebenen Teile des Weihebrotes über den heiligen Gaben gesegnet. Da nun die Geburt Gottes im Fleische Gegenwart geworden ist durch die Wandlung der heiligen Gaben, singt der Chor den Hymnos der allheiligen Mutter Gottes „Wahrhaft würdig ist es, dich zu verherrlichen …“ und darnach das „Auf die Fürbitten Deiner Heiligen …“ solange, bis die priesterlichen Gebete beendet sind. Der Priester gedenkt unter diesen Gesängen des ganzen mystischen Leibes der Kirche, angefangen bei der allheiligen Mutter Gottes, über die Engel und Heiligen bis hin zu den Hierarchen, dem Altvater, den anwesenden Gläubigen und endet das Gedenken mit den Worten „… in allem und für alles“, worauf die Gemeinde antwortet „Für alle und für alles!“ Damit wird angedeutet, daß die gesamte Schöpfung, das All und alle Wesen in ihm durch diesen heiligen Vollzug mitgeweiht und geheiligt werden.
9. Vater Unser und Empfang der Gaben (Kommunion)
Friedensgruß.
Fürbitten mit Bezug auf die nunmehr gewandelten Gaben und Einleitung zum Herrengebet „Vater unser …“, das von allen laut gesprochen, manchmal auch vom Chor gesungen wird.
Verbeugung und Beugungsgebet.
„Das Heilige den Heiligen“ und die Antwort der Versammlung „ Einer ist heilig …“ Der Vorsteher erhebt das Lamm über dem Diskos, denn „hoch erhoben bist Du über alle Himmel“.
Brechung des Lammes, Mischung von Leib und Blut, und Hinzufügung des kochenden Wassers (Zeon) als Symbol der Glut der Liebe und des Heiligen Geistes und zum Zeichen, daß in den Heiligen Gaben der lebendige ewige Leib des Herrn, der Auferstehungsleib, gegenwärtig ist.
Gebete und Gesänge vor der Kommunion. Die Gebete werden von allen kniend gesprochen; sie sind erst in jüngerer Zeit eingefügt worden und erinnern nochmals an die Wirklichkeit, die sich den Gläubigen nun in Schau und Teilhabe mitteilt. Sodann trägt der Leser oder der Chor die Kommunionsgesänge oder Psalmen vor. Während nun Priester und Diakone am Altar kommunizieren, vollziehen die Gläubigen (nach der alten Sitte, die heute oft nur noch in Klöstern beachtet wird) ihre Verehrungen und stellen sich, geordnet nach Geschlecht und Alter, in einer Schlange vor der Heiligen Pforte auf.
Öffnung der Paradiespforte, Hervortragung des Kelches und Kommunion der Gläubigen. Sobald der Vorhang geöffnet wird, werfen sich die Gläubigen mit der Stirn zu Boden, womit sie den nunmehr erschienen und hervortretenden Herrn begrüßen, und singen das „Gelobet sei der da kommt im Namen des Herrn“. Dann erheben sie sich wieder, stellen sich in der rechten Reihenfolge ehrfurchtsvoll mit vor der Brust überkreuzten Armen auf und singen das „Empfanget den Leib Jesu Christi und trinket von dem Quell des ewigen Lebens, Alleluja“. Unter letzterem Gesang tritt jeder einzeln herzu und der Priester reicht jedem Leib und Blut Christi mit einem Löffel. Zuletzt segnet der Priester die Versammlung mit dem erhobenen Kelch, wendet sich wieder zurück und setzt den Kelch auf dem Alter ab.
10. Rückübertragung zum Rüstaltar und Schluß
Während der Priester die Reste des Opferbrotes in den Kelch füllt, singt die Gemeinde oder der Chor das „Wir haben das wahre Licht gesehen …“ Sodann tragen er und der Diakon Kelch und Diskos zurück zum Rüstaltar, wo dann ein Priester oder Diakon die übrigen Gaben verzehrt und den Kelch sorgfältig unter entsprechenden Riten reinigt.
Schlußfürbitten.
Ambogebet. Hierzu steht der Priester wieder auf dem Ambo in der Mitte des Tempels.
Abschließende Wechselgesänge und Schlußsegen. Zuletzt reicht der Priester jedem das Segensbrot (Antidoron). Dabei küßt jeder zuerst das Kreuz, das der Priester in der linken Hand trägt, dann legt der Gläubige die geöffnete rechte in die linke Hand und empfängt so das Segensbrot aus der rechten Hand des Priesters, wobei er die rechte Hand des Priester küßt und sich mit einer Verbeugung entfernt. Es gibt besondere mit Kreuzen verzierte Tücher, welche die Gläubigen in die rechte Hand legen, damit keine Krümel vom Segensbrot auf den Boden fallen, was eine Sünde wäre. Das Segensbrot wird auch Antidoron genannt, „Gabe anstatt“, weil es für diejenigen, die die Heiligen Gaben nicht empfangen haben, anstelle derselben gegeben wird.
Dankgebete. Der Leser rezitiert die „Gebete nach der Kommunion“.
Währenddessen verzehren die Gläubigen still einen Teil des Segensbrotes, einen Teil wickeln sie in das Tuch und nehmen es mit nach Hause, um jeden Morgen ein Stückchen davon zu essen und so die göttliche Kraft, die von der Mysterienfeier her darin wohnt, aufzunehmen. Die nicht kommuniziert haben, verehren die Ikonen wie gewöhnlich, der Priester legt unter entsprechenden Gebeten die heiligen Gewänder ab.
Man verläßt den Tempel schweigend oder bleibt noch zum stillen Gebet, um die großen Mysterien, derer wir gewürdigt wurden, nicht durch Geschwätz und Lärm zu verunehren.
Anmerkungen, Unterschiede zwischen Klöstern und Weltgemeinden
In der Ritualordnung (Typikon) der Liturgie gibt es keinen Unterschied zwischen Klöstern und weltlichen Kirchgemeinden, wohl aber gelegentlich in der Praxis, also der Art und Weise, wie die heiligen Handlungen vollzogen werden. Unabhängig davon gibt es starke regionale und nationale Unterschiede in Gesang und Mentalität, abgesehen von der Sprache, die ohnehin stets die Sprache des Volkes bzw. des Landes ist.
Im Klöstern ist z.B. grundsätzlich elektrische Beleuchtung im Tempel verboten, weil das natürliche Licht seine eigene Symbolik hat. Bienenwachs und Öl sind Opfergaben, die Gott dargebracht werden, um dann in Öllampen und Kerzen als Sinnbild des göttlichen, ewigen Lichtes zu leuchten. In den Weltgemeinden hingegen gibt es heute fast überall elektrisches Licht, weil kaum jemand mehr die aufwendige Pflege der Öllampen und die hohen Kosten für echte Bienewachskerzen auf sich nehmen möchte.
In Weltgemeinden wird auf die Bewahrung der Arkandisziplin leider oft verzichtet, zumal im Westen, nicht nur weil meist kein Vortempel vorhanden ist und eine gewisse Anonymität besteht. Auch die Verehrungsformen und Riten der Teilhabe der Gläubigen sind in den letzten Jahrzehnten sehr stark zurückgegangen, nicht zuletzt, weil einige damit angefangen haben, Stühle oder Bänke in die Kirche zu stellen und die Gläubigen auf den Status von Zuschauern zurückgedrängt werden. Viele Menschen empfinden das zwar als bequeme Annehmlichkeit, übersehen aber dabei die entsetzliche geistige Verödung, die damit einher geht. Entsprechend ist es in den Kirchen oft laut, es wird gesprochen, unnötig hin und her gelaufen, so daß es schwierig wird, im eigentlichen Sinne am Gottesdienst so teilzunehmen, wie es ursprünglich gedacht ist. Dazu paßt es, daß die Menschen keine angemessene Kleidung tragen, man sieht heute Männer in Jeans, Arbeits- oder Freizeitklamotten, manchmal sogar Frauen in Hosen und ohne Kopfbedeckung im Tempel, was nicht nur im krassen Widerspruch zum biblischen Gebot und den guten Sitten steht, sondern vor allem eine Entwürdigung und Beleidigung des Heiligtums und des Gottesdienstes ist, der dadurch gewissermaßen zum begafften folkloristischen Theater degradiert wird, dem man innerlich fremd gegenübersteht. Kleidung und Haltung sind alles andere als beliebig, sondern sie bergen stets einen Sinn, eine Botschaft, und sind, bewußt oder unbewußt, willentlich oder unwillentlich, Ausdruck der Haltung des jeweiligen Menschen Gott, dem Heiligen und seinen Mitmenschen gegenüber. Viele Unsitten resultieren aus Unwissenheit, sind der allgemeinen modernen antichristlichen Mentalität und Konsumhaltung geschuldet und dürfen auf keinen Fall als charakteristisch für den orthodoxen Kult angesehen werden; im Gegenteil. Wo die Kirche um die Menschen buhlt und es nur darum geht, möglichst viele Besucher zu haben, entsteht allzu schnell eine unangemessene Haltung („ der Kunde ist König“), die keinen Raum mehr für echte Hingabe und Religiosität läßt und dem Menschen das Wichtigste, nämlich die Anleitung zur Umkehr und zur Heiligung, vorenthält. Umso achtenswerter und kostbarer ist es, wenn trotz des herrschenden Zeitgeistes in nicht wenigen Kirchgemeinden eine bessere, überlieferungsgemäße, Haltung und Praxis gelehrt wird.
In traditionell orthodoxen Ländern ist das, wenn auch nicht mehr überall, so doch in vielen Gegenden, noch besser. Ehrfurcht und gute Haltung drücken sich praktisch aus, indem die Gläubigen sich durch strenges (oft über die kirchliche Regeln hinausgehendes) Fasten, durch Beichten, durch Bemühung um Überwindung von zwischenmenschlichen Konflikten usw. ernsthaft auf den Empfang der Kommunion vorbereiten und in würdiger Kleidung zur Kirche kommen. Was liturgisch in den heiligen Vollzügen offenbart und erfahren wird, muß ja durch konkretes Leben in der Gemeinschaft und persönliche Wandlung und Heiligung, in einer besonderen Kultur geistlichen Lebens, eingeübt und verwirklicht werden, denn „der Glaube ist tot ohne Werke“. Erst wenn alles, Geist und Leben, Kultus, rechte Ordnung, innere und äußere Haltung, Wissen und Erkenntnis, Tun und Lassen, Ethos, Leben, Glaube und Treue, Bekenntnis und Wirklichkeit zusammenkommen, wird auch der liturgische Bereich wirklich stimmig sein, werden Form und Inhalt, Sein und Bewußtsein miteinander im Einklang stehen und Gott und Mensch in heiliger Harmonie zusammenklingen.
Diese Stimmigkeit und Harmonie resultiert nicht allein aus dem guten Wissen um die liturgischen Zusammenhänge und die liturgische Symbolik, nicht allein aus dem Wissen um den sakramentalen und mystagogischen Gehalt und Sinn der Liturgie, sondern auch aus der konkreten Lebensgestaltung und dem aufrichtigen Mühen eines jedes Einzelnen um Läuterung und Heiligung.
